(Die folgende Leseprobe ist ein Auszug aus dem 9. Kapitel des Buches)
Die Erweckung
„Die Auswirkungen“, die Art und Weise und die Geschwindigkeit der Entfaltung der Kundalini -
die ihrer Erweckung so sicher folgt, wie der Tag dem Aufgehen der Sonne - sind so
unterschiedlich und vielfältig, wie die Menschen selbst. Doch möchte ich an dieser Stelle
ein Missverständnis ansprechen, dass mir im Laufe der Jahre bezüglich der Yoga-Sadhana
immer wieder begegnet ist: Die Auswirkungen der Kundalini-Erweckung und der Fortschritt
auf unserem spirituellen Weg nach dem Erhalt der Initiation hängt nicht vom Guru ab - ich
gehe hier von einem Guru aus, der diese Bezeichnung verdient, also von einem Sadguru -
sondern allein von uns, bzw. unseren Bemühungen. Viele haben das Empfinden, dass ihnen
die Initiation nichts gebracht hat, dass die Kundalini nicht erweckt wurde, und dass daher
der Weg, den sie bisher gegangen sind nichts taugt. In der heutigen Zeit, besonders in den
westlichen Gesellschaften, bringen wir häufig nicht mehr die Geduld auf, einen solchen
Prozess längere Zeit durchzustehen. Alles muss schnell gehen, und dass möglichst mühelos
und obendrein sollte es auch noch unterhaltsam sein. Am besten Initiation und Erleuchtung
während eines der heutzutage so beliebten Wochenendkurse. Wenn das nicht gleich klappt,
geht man zum nächsten Meister. . . . und erlebt dort vermutlich das Gleiche.
Was vor Tausenden von Jahren galt, gilt auch noch heute: Entwicklung kennt keine Abkürzungen.
Wir müssen - so wir das höchste Ziel zu erreichen wünschen - das Selbe auf uns nehmen,
was Suchende, Sadhakas und Yogis schon vor Urzeiten auf sich nahmen. Der entscheidende,
variable Faktor in unserer Sadhana ist nicht das Guru-Prinzip sondern wir selbst, unsere
Haltung und unsere eigene Anstrengung. Es gibt bei den indischen Yogameistern eine Metapher,
die das Verhältnis von göttlichem Segen und eigener Bemühung illustriert: der Vogel. Der Vogel,
so sagen sie, fliegt nur ins Land der Befreiung, wenn er gleichermaßen beide Flügel einsetzt -
der eine Flügel steht für die immerwährende Segenskraft bzw. Gnade des Gurus, der andere Flügel
steht für die individuelle Bemühung der Schülerin bzw. des Schülers. Was wir an spiritueller
Entwicklung erfahren ist also in erster Linie das Resultat unseres "Anteils". Wenn es vielleicht
auch hart klingen mag, unser spiritueller Entwicklungstand entspricht unserem bisherigen Einsatz,
ist also exakt das, was uns nach dem Kausalitätsgesetzt (Ursache-Wirkung) zusteht.
Dabei ist nicht nur zu beachten und einzubeziehen, was wir jetzt für unsere Yogapraxis investieren,
sondern auch das, was wir bisher getan haben, also was wir aus vorherigen Leben in dieses mitgebracht
haben. Bereits die Entscheidung, ob wir überhaupt Initiation bekommen oder nicht, wird, wie wir oben
gesehen haben, eben davon bestimmt, welchen Grad der Entwicklung wir bereits erreicht haben. Manchen
Yogis oder Sadhakas muss der Guru seine Energie gar nicht geben - sie nehmen sie sich einfach.
D.h. sie besitzen einen Grad der Reife, bei dem sich die Kundalini-Erweckung sozusagen nur noch
wenige Millimeter unter der Ereignisoberfläche befindet - wie eine Tigerin, die zum Absprung
bereit ist. Bei solchen Menschen springt der göttliche Funke in der Nähe eines Sadgurus einfach
über. Genauso verhält es sich mit der weiteren Entfaltung der Kundalini. "Wer hat, dem wird
gegeben werden" heißt es in der Bibel, d.h. nur wer stark genug ist zu empfangen, für den
werden sich die göttlichen Tore öffnen. Auf die Entfaltung unseres göttlichen Potentials
bezogen und im Zusammenhang mit Shaktipat bedeutet das: Wer in seinen vergangenen Inkarnationen
Yoga oder irgendeine andere spirituelle Praxis ausgeübt hat, wessen feinstoffliche Körper schon
gereinigt wurde, wer durch Sadhana seine Samskaras - latente Neigungen oder unterbewusste mentale
Dispositionen, die durch ein Ereignis in einem vorangegangenen Leben verursacht wurden - bereits
begonnen hat, aufzulösen, derjenige wird die Energie des Gurus nicht nur in einem umfassenden
Maße aufnehmen können. Bei einer solchen Person, wird sich die Kundalini auch sehr schnell
entfalten, weil sie bei ihrer Entfaltung einfach auf weniger Hindernisse und Widerstände trifft.
Der indische Heilige Ramana Maharshi verglich einst die Gnade des Gurus mit einem Ozean und meinte,
dass wenn ein Suchender eben mit einer Tasse käme, er auch nur eine Tasse voll erhalten würde.
Es läge daher nicht am Ozean, wie viel man erhalten würde, sondern an uns selbst, bzw. an dem Gefäß,
dass wir mitbrächten.
1
„Gefäß“ ist eine sehr passende und daher von den Yoga-Meistern auch häufig gebrauchte Metapher
für unseren Körper oder besser: unser Körpersystem, denn wir besitzen außer dem grobstofflichen,
mehrere feinstoffliche Körper. Je nachdem, wie kräftig und gesund insbesondere das feinstoffliche
System ist, das unser innerstes Wesen umgibt, kann der Guru eben mehr oder weniger Energie im Moment
des Shaktipat hineingeben. Davon wiederum ist auch abhängig, wie schnell die Kundalini aufsteigt
und ihr Ziel erreicht, obwohl hierbei auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie z.B. die
Intensität unserer eigenen Bemühungen nach dem Erhalt von Shaktipat.
Hinsichtlich der Intensität des Shaktipat gibt es nach tantrischer Auffassung mehrere Stufen oder
Grade. Nach dem System des Shivaismus von Kaschmir werden dabei drei Intensitätsgrade unterschieden:
Tivra-Shaktipata (intensiv), Madhya-Shaktipata (mittel), Manda-Shaktipata (mild bzw. schwach).
Im Tantraloka nennt Abhinavagupta allerdings eine noch ausführlichere Klassifikation, indem er
jede der drei Intensitätsgrade nochmals in drei Stufen unterteilt, beginnend mit
Tivra-Utkrishta-Shaktipata (außerordentlich intensives Shaktipat, durch das der Yogi
sein höchstes Ziel unmittelbar erlangt), Tivra-Madhyasta-Shaktipata (eine immer noch sehr
intensive Form des Shaktipat, die nur für den sehr weit vorangeschrittenen Yogi angewendet
werden kann), usw.
2 An dieser Stelle möchte ich jedoch betonen, dass nach Auffassung der
Meister und Philosophen des Shivaismus von Kaschmir all diese Klassifikationen und
Unterteilungen nur aus Sicht des begrenzten Individuums existieren. Aus Sicht Parama-Shivas,
des Höchsten Bewusstseins, gibt es keine Unterschiede, also auch keine verschiedenen
Intensitäten der Segenskraft - göttlicher Segen ist göttlicher Segen.
Was die Geschwindigkeit betrifft, mit der sich die Kundalini entfaltet, gibt es eine ebensolch
große Bandbreite an Unterschieden. Manche Menschen erzählen, dass sich nach ihrer Initiation
gar nichts großartig verändert. Solche Berichte sind mir immer suspekt. Wann immer ich mit
solchen Menschen unmittelbar zu tun habe, gehe ich der Sache nach. Häufig erzählen sie dann,
dass sie keine Visionen haben, keine Erlebnisse mit dem Fließen von Energieströmen, keine
ekstatischen, übernatürlichen Zustände - so wie "sich das eben nach der Kundalini-Erweckung
gehört. . . ." Wenn man dann aber nachfragt, ob sich im täglichen Leben vielleicht etwas
geändert hat, bekommt man u.a. zur Antwort: "Na ja, ich bin irgendwie glücklicher im Leben,
zufriedener . . . Ach ja, zu Hause in der Familie und auch am Arbeitsplatz läuft's besser.
Irgendwie klappt es jetzt immer, wenn ich mit etwas vornehme. ." Kundalini ist keine
ausschließlich "spirituelle Kraft". Sie umfasst das gesamte Leben und wirkt, wenn sie
wach wird, auf allen Ebenen. Wo genau sie ihre Arbeit beginnt und wo für uns erkennbar
sie wirkt, ist individuell ganz und gar unterschiedlich. So wie jede Person ihre einzigartige,
unvergleichliche Beziehung zum Guru hat, so hat sie auch ihre individuelle Beziehung zur
innewohnenden Kundalini-Shakti.
Doch es gibt natürlich auch Menschen, denen, nachdem sie Einweihung erhalten haben, die
typischen Kundalini-Erlebnisse widerfahren. Ein besonderes Phänomen ist, dass manche von
ihnen - zumindest in ihrem gegenwärtigen Leben - nie Yoga praktiziert haben, und einige
davon sind sogar kleine Kinder. In solchen Fällen handelt es sich nach allgemein anerkannter
Auffassung um sogenannte Yoga-Bhrashtas, Menschen die in vorherigen Leben intensiv Yoga
ausgeübt haben, doch vor dem Erreichen des höchsten Ziels gestorben sind. Da nichts in
diesem Universum verloren geht, und wir immer dort weitermachen, wo wir aufgehört haben,
weisen derartige Erlebnisse und Fähigkeiten bei Kindern auf hochentwickelte Seelen hin,
die nun mit enormem spirituellem Potential und großer yogischer Kraft die letzten Schritte
zur Vollkommenheit und Freiheit unternehmen. Wenn Yoga-Bhrashtas Shaktipat erhalten ereignet
sich in ihnen oft geradezu eine Explosion von spirituellen Erlebnissen und ihre anschließende
spirituelle Entwicklung erfolgt mit atemberaubender Geschwindigkeit. Um dieses Phänomen an
Beispielen zu veranschaulichen hier ein kurzer Bericht von Swami Kripananda, in dem sie von
den Erlebnissen solcher Kinder berichtet:
"Vor einigen Jahren kam ein neun Jahre alter Junge zusammen mit seinen Eltern in den
South Fallsburg Ashram
3. Er hatte sofort Visionen verschiedenster Art, sogar mit offenen
Augen. Er reiste zu verschiedenen Galaxien
4 und sah Szenen aus vorherigen Leben.
Ein anderer, acht Jahre alter Junge kam von seinem Zuhause in Bombay zum Gurudev Siddha Pith
5,
und seine Mutter nahm ihn mit zur Meditationshalle im Turiya Mandir. Als er sich zur Meditation
setzte, so erzählte er, begann eine mächtige Kraft sich vom unteren Ende seiner Wirbelsäule in
Schlangenbewegungen durch einige verschiedene Zentren zu bewegen. Als sie seine Kehle erreichte,
gab es eine Lichtexplosion, und dann stieg eine kleine Schlange weiter nach oben zum Scheitelpunkt
seines Kopfes. Danach fertigte er ein Wasserfarben-Bild von seiner Vision an, das die Chakras mit
der Sushumna, dem Zentralkanal, zeigt und die Ida- und Pingala-Nadis an den beiden Seiten."
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Solche Erlebnisse fallen einem Menschen nicht einfach zu, sondern sind, wie gesagt, das Resultat
der Bemühungen aus vergangenen Inkarnationen. Nicht alle von uns sind gleich zu Beginn mit
solchen Erfahrungen gesegnet, doch bei vielen Menschen ist eine deutliche Transformation zu
erkennen. Denn der Reinigungs- und Entfaltungsprozess der Kundalini hat begonnen und führt
oft zu den erstaunlichsten Veränderungen im Leben des jeweiligen Individuums. Ich weiß von
mehreren Frauen, die Shaktipat-Diksha erhielten und nach einiger Zeit Nonnen in katholischen
Orden wurden. Dies war eben ihr Weg, der sich ihnen deutlich zeigte und eröffnete, sobald die
kosmische Kraft in ihnen zu wirken begann. Kundalini ist die transformierende Kraft/Macht,
die jedem Menschen das gibt, was er braucht, um auf seinem ureigensten Weg das höchste Ziel
zu erreichen. Da unser Inneres nach alter tantrischer Lehre mit der äußeren Welt
korrespondiert, führen Veränderungen in unserer inneren Dimension - hervorgerufen durch
den Reinigungsprozess der Kundalini - automatisch zu Veränderungen in der äußeren Dimension.
Während einer meiner längeren Studienaufenthalte an der Universität von Poona
(Indien) traf ich eine junge Amerikanerin, die Nonne in einem tibetisch-buddhistischen
Orden war. Bonnie, wie sie sich nach wie vor nannte, (ihr Ordensnamen war wohl etwas kompliziert)
war eine aufgeweckte und interessante Persönlichkeit.
Sie schrieb, ebenso wie ich, an ihrer Doktorarbeit, und so hatten wir uns im Kreise der
anderen Studierenden immer viel zu erzählen. Als sie irgendwann berichtete, wie ihr
spiritueller Weg begonnen hatte, war ich verblüfft. Bonnie war 1974 am Flughafen von
Melbourne (Australien) und traf dort Swami Muktananda, der im Zuge seiner ersten
Weltreise im Begriff war Australien zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zu
reisen. Er saß dort, umringt von seinen Schülern, und gab in seiner spontanen Art
noch einigen Leuten Shaktipat. "Zufällig" war eben Bonnie gerade in unmittelbarer
Nähe - und es geschah, was nach dem Willen der kosmischen Shakti wohl geschehen sollte.
Bonnie erzählte, wie Muktananda sie auf dem Kopf berührte. Diese nur Sekunden währende
Begegnung mit dem Guru-Prinzip erweckte ihre innere Kraft und veränderte ihr Leben gänzlich.
Sie fand den Weg, der für sie persönlich bestimmt war.
. . .
1Swami Kripananda, The Sacred Power. New York 1995, S. 46.
2D.B. SenSharma, The Philosophy of Sadhana. Albany 1990, S. 93.
3Gurumayi Chidvilasanandas Ashram in den Catskill-Bergen im Norden des Staates New York.
4Reisen in andere Welten als Auswirkung der erwachten Kundalini haben viele Yogis erlebt und davon berichtet.
5Der Siddha-Yoga Haupt-Ashram in Ganeshpuri, im Bundesstaat Maharashtra, (Indien).
6Swami Kripananda, The Sacred Power. New York 1995, S. 50.